Huayna Potosí

Von La Paz aus ging es mit dem Jeep in Richtung des 6.088m hohen Huayna Potosí in Bolivien, den ich über die Normalroute bestieg. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit kletterten wir über die French Route (sehr wahrscheinlich) vom Gipfel ab - eine ca. 250m hohe Steilwand, mit bis zu 55° Neigung.

[Tagebucheintrag vom 05. April 2010]  
Auf der Fahrt lernte ich meine Wanderpartnerin Bethlan aus England kennen und die zwei Jungs aus Schweden, Timmy und Frederik. Wir verstanden uns gleich sehr gut. Am Basiscamp angekommen haben wir unser Matrazenlager hergerichtet, zu Mittag gegessen und dann ab zum Gletscher in voller Montur. Es war nebelig und hin und wieder regnete oder schneite es. Nicht optimal, aber ich dachte lieber jetzt das schlechte Wetter als am Gipfeltag. Das Klettertraining machte großen Spaß mit unseren Guides Andrés und Silverio. Wir übten das Gehen mit den Crampons (Anm. Steigeisen) und das Verwenden der Eisaxt (Anm. Pickel). Auch das Abseilen will gelernt sein. Nach ein paar Stunden körperlicher Betätigung in dieser Höhe freuten wir uns auf eine kleine Rast und viel Tee (Coca, Zimt, Limon) mit Cookies. Wir quatschten viel mit Silverio über die nächsten 2 Tage. Wir sind ja alle schon gespannt!

Tag 1: Aufstieg zum Base Camp (4.500m) & Eisklettertraining

[Tagebucheintrag vom 06. April 2010]  
Nach dem Frühstück ging´s los mit all dem Equipment und Cocablätter zum Aufstieg zum nächsten Camp auf 5.130m. Es war echt schwer zu atmen, der Weg steil und führte über Geröll. Aber mit dem Wetter hatten wir Glück - ich beobachtete den Sonnenaufgang während mir unser Koch die Berge erklärte. Zum ersten Mal sah ich Huayna Potosí! Am Camp oben angekommen, aßen wir zu Mittag und genossen die Aussicht... über den Wolken :-) Das Nachmittagsprogramm war ziemlich eintönig: rasten, Karten spielen, rasten, quatschen bis wir, Frederik und ich, uns dazu entschlossen haben, einen Akklimatisierungsaufstieg am nächsten Geröllberg zu machen. Von dort hatten wir einen tollen Ausblick!

Tag 2: Aufstieg zum Campo Alto Roca (5.130m)

Die Aufregung stieg und ein bisschen Angst vor dem "Versagen" kam auf. Abendessen um 17:00 und letztes Briefing. Nachdem wir den Sonnenuntergang beobachtet haben, gingen wir liegen. Nicht viele, aber 1 oder 2 haben geschnarcht - wir waren alle neidisch :-) Um 24:00 läutete der Wecker...

[Tagebucheintrag vom 07. April 2010]  
Nach Matetee zum Mitternachtsfrühstück ging es um 01:00 los. Eine sternenklare Nacht mir einer gelben großen Sichel als Mond über den Bergen schwebend. Wir schnallten uns die Crampons an. Andrés hat uns, Bethlan und mich, mit ihm mit dem Sicherheitsseil verbunden und los ging es. Bei der ersten Pause auf 5.500m waren wir nur 15min (03:15 Uhr) zu spät, aber danach ging es nur langsam voran. Kurz vor Sonnenaufgang wollte ich aufgeben - ich war einfach müde und nur am Schnaufen. Aber Andrés blieb ruhig und sprach mit mir. In dieser Zeit konnte ich mich gut akklimatisieren und war wieder voll motiviert. Ein atemberaubender Sonnenaufgang, gefolgt von dem schwersten Kletteraufstieg zum Gipfel. Wir waren nur am Weinen, Bethlan aus Angst und ich aus Freude - unbeschreiblich!

3.Tag: Gipfeltag, Abstieg & Rückfahrt

Geteiltes Leid, ist halbes Leid

Viel später verstand ich erst - anders als im Tagebuch geschildert - dass ich mich in den paar Minuten verzweifelnd im Schnee sitzend nicht so rasch akklimatisieren konnte, um danach einen 6000er zu besteigen! Ich selbst musste im Nachhinein oft über die rettende Unterhaltung lachen, denn ich habe Andrés in den paar Minuten immer wieder mein Leid mit den Worten "La montaña es muy alta!" (Der Berg ist sehr hoch!) geklagt und er hat lediglich, ganz ruhig und wiederholt mit "Si, la montaña es muy alta." (Ja, der Berg ist sehr hoch.) geantwortet. Mit dem geteilten Leid und Verständnis, kam auch die Kraft zurück.

Entscheidungsfindung in luftarmer Höhe

Bei Tagesanbruch während dem Aufstieg zum Gipfel meinte Andrés, wir könnten nun unsere Stirnlampen abdrehen. Es sei mittlerweile hell genug. Die Erkenntnis hatte ich vor ein paar Minuten bereits, beschloss aber meine Stirnlampe nicht abzudrehen. Es bedeutete viel zu großen Energieaufwand für mich, meine Hand da hochzuheben und auf den Knopf zu drücken. Da es nun eine zweite, selbige Meinung gab und die auch vom Bergführer kam, stieß ich einen weiteren evaluierenden Denkprozess an. Fragen, wie: "Zahlt es sich aus die Lampe abzudrehen? Wie lange ist es noch bis zum Gipfel? Ich könnte sie da oben abdrehen, wenn ich rasten kann. Dann hätte ich auch mehr Kraft dazu. Was mache ich, falls die Batterie bis dahin ausgeht und ich die Lampe später nochmal brauche? Besteht diese Wahrscheinlichkeit, dass ich sie nochmal brauche?..." beschäftigten mich, als ich mich langsam, aber rhythmisch nach oben bewegte. Nach einer Weile drehte sich Andrés wieder um und bemerkte, dass wir beide noch immer die Stirnlampen an haben. Wortlos drehte er sie für uns ab. Ich war ihm unendlich dankbar! :)